Fragen, Fragen, Emotionen.

Selber Auswandererin würde mich der Punkt «Alltag» interessieren. Wie baut ihr euch eine neue Struktur auf? Was stellt sich als wichtig heraus, was nicht? Mit wie viel emotionaler Konfusion ist das Ganze verbunden? Sowas. Ich hab das nämlich so in Erinnerung, dass ich gefühlt die ersten drei Monat lethargisch war.

Wichtig sind definitiv klar geregelte Abläufe und Zeiten, dadurch dass wir ja im Moment beide 24/7 gemeinsam zu Hause sind muss man darauf achten, dass die Grenzen nicht allzu verschwimmen. Das heisst, er hat seinen regulären Alltag ebenso wie ich, im Grunde spielen wir ‚Ich geh ins Büro!‘, sprich wir trinken zusammen einen Kaffee, dann macht sich jeder im Bad hübsch und spätestens um 11.00 Uhr geht es los, weil er dann seine erste Videokonferenz hat.
Am Anfang war das recht holprig weil wir viel ausserhalb mit Behördenkram zu tun hatten, meist vormittags und erst am Nachmittag dann wieder zu Hause waren und die Konzentration auf Arbeitsdinge somit zu oft flöten ging. Mittlerweile flutscht das ganz gut und ist auch in manchen Dingen mit unausgesprochenen Regeln belegt, ich laufe zum Beispiel nicht alle paar Minuten an den Schreibtisch und störe ihn wegen lapidarer Fragen. Er macht selbiges auch nicht bei mir, wenn ich an den Studiensachen sitze. Käme ja auch keiner auf die Idee ständig im Büro des Partners anzurufen und ihn zu fragen: Was soll ich einkaufen? Was gibts zu Abendessen? Soll ich deine Unterhosen bei 40 oder 60 Grad waschen?
Ebenso meide ich seinen Arbeitsbereich wenn er eine Videokonferenz hat, meist allerdings aus Schutzgründen der Gegenpartei, weil ungeschminkt, in Schlumperhose und ohne BH will man sich ja auch keinem zumuten. Da unsere Wohnung aber gut aufgeteilt ist muss ich mich dann zu diesen Zeiten nicht verstecken oder mich in meiner Bewegungsfreiheit einschränken, sondern es gibt Alternativwege. Sein Arbeitsplatz befindet sich im Wohnzimmer, meiner momentan noch (den Temperaturen sei Dank) auf der Terrasse, umgeplant irgendwann absehbar dann ins Gästezimmer.
Für das Verständnis hier eine kleine Krizzelei:

grundriss1

Vielleicht kann man jetzt auch etwas nachvollziehen warum wir damals (so überheblich, wie manche meinten) bei der Wohnungssuche sagten 70qm sind einfach zu eng wenn man 24/7 zusammen und überwiegend auch immerzu zu Hause ist. Und jetzt bin ich auch wirklich froh dass es so ist, denn so kann man mit genügend Freiraum wirklich entspannt miteinander leben.

Ich glaube generell gibt es 3 wichtige Punkte die hierbei grundlegend vorhanden sein sollten:
1. man geht sich nicht per se nach 3 gemeinsamen Tagen auf den Keks
2. das gemeinsame Ziel muss stimmen
3. man hat Übung in Sachen von zu Hause arbeiten

Punkt 1 hat für mich hierbei Priorität.
Wenn man als Paar schon nicht in der Lage ist gemeinsam 3 Wochen am Stück in den Urlaub zu fahren ohne sich gegenseitig an die Gurgel zu gehen, dann halte ich es für ein echt beinhartes Stück Beziehungsarbeit was da auf einen zu kommt. Gut, meistens bin ich auch echt zu faul zu streiten bzw. es ist mir selbst zu anstrengend wegen jeder Kleinigkeit ein Fass aufzumachen. Was allerdings nicht bedeutet alles einfach hinzunehmen, nur die Tragweite und der Aufwand zur Relevanz mildern doch manche Zickigkeit. Rumzicken ist einfach keine Passion, weder auf meiner Seite noch auf seiner. Und trotzdem dachte ich im Zeitraum kurz vor dem Umzug so wie danach (also insgesamter Zeitraum so 3 Wochen) ich müsste ihn umbringen, nicht jede Stunde aber immer mal wieder. So richtig fest machen kann man das an keinem Thema oder einer klaren Situation die ich jetzt im nach hinein schildern könnte, sondern es war mehr der Ist-Zustand. Erstens sind wir beide vorher noch nie zusammen umgezogen (offiziell haben wir sogar nie zusammen gewohnt) und zweitens sind wir einfach grundverschieden in Sachen Planung, Herangehensweise und auch Gewichtung unterschiedlicher Komplikationen. Jedenfalls stiess ich oft an meine Grenzen und ehrlicherweise hat man sich manchmal auch gefragt ob das wirklich alles richtig ist. Wir waren beide angespannt bis zur Schädeldecke und ich hab mit Sicherheit -und Recht- auch oft genug -wenn vielleicht anders- genervt. Aber wir hatten ein gemeinsames Ziel und das war unser Anreiz, weil wir das beide wollten, zusammen, egal was passiert. Da bringt es nichts wenn ein Teil der Beziehung nur 70% überzeugt ist. Spätesten wenn einer von uns gesagt hätte ‚Naja überzeugt bin ich nicht, aber wenn du das so willst…‘ wäre der Plan eigentlich schon hinfällig gewesen, dann wird spätestens die Nachbereitung nach den Strapazen des Umzugs, das ’sich als Paar wieder sortieren‘, umso schwerer. Mein Exfreund hat früher 3 Wochen gebraucht um für 2 Tage Italien (Fahrzeit: 2 Stunden) zu packen und genau deshalb heisst er zu Recht auch Exfreund.
In Sachen ’neuer Arbeitsalltag‘ hat der Mann definitiv die Nase vorn da sich für ihn nicht viel geändert hat: die gleichen Kollegen, die gleiche Arbeit, die gleiche Struktur. Er hat schon oft und lang rein nur von zu Hause gearbeitet und somit war das für ihn keine Hürde. Der Schritt für mich meinen Job komplett zu verlassen und eigentlich nicht wissen auf was man Neues zusteuert ist da schon deutlich aufregender und auch mit gleichen Teilen Angst wie Aufregung belegt. Aber das ist ein eigenes Thema und auch noch etwas Zukunftsmusik.
Zur sonstigen Struktur:
Wichtig ist wirklich Feierabend und Wochenende machen! Gemeinsam!
Wir haben hierzu auch -und das hatten wir schon auch in Hamburg- Datenights. An solchen Tagen/Abenden verabreden wir uns tatsächlich fix und unternehmen zu 2t etwas. Klingt banal, ist aber wirklich hilfreich. Oder wie oft übernachtet ihr mit eurem Partner einfach mal in einem Hotel im Nachbarviertel eurer Stadt, geht nach Jahren noch zusammen ins Kino oder probiert neue Kneipen/Restaurants aus die sonst nicht auf der Agenda stehen? Eigentlich ist das noch ein Relikt aus Schichtzeiten, immer wenn ich mal wieder das Gefühl hatte an mir läuft sozial und aufmerksamkeitstechnisch alles vorbei. Ein klares Zeit einfordern wenn man es braucht. Und zwar ohne Couch, Netflix und schmutziger Unterwäsche.
Sonst ist der Alltag wie er auch sonst überwiegend war, ich koche meist Abendessen oder wir gehen aus und dann reden wir über den Arbeitstag.

Ich habe das ganze mit Auswandern weit weg umziehen ja auch schon mal durch, also tiefstes Bayern nach Hamburg halte ich durchaus schon zumindest sprachlich für eine Art Auswanderung. Auf emotionaler Ebene gleicht sich das nahezu zu damals, nur mit dem Unterschied dass Freunde und Familie in Bayern schon viel länger vorhanden waren und eigentlich hatte ich deshalb auch keine Diskrepanz. Ich bin der Meinung Menschen bleiben wenn sie es wollen, auch gegenseitig. Ich habe Freunde in Bayern mit denen habe ich alle paar Wochen Kontakt und wenn wir uns sehen ist es trotzdem wie vorher. Ohne Rechtfertigung o.ä.
Es verändert sich nunmal alles, früher zog man weg wegen einem Studium, einem Auslandsaufenthalt oder einfach weil man eine Veränderung wollte und heute ist es doch nicht anders. Nur ist man halt nicht mehr jung und macht es zu grossen Teilen einfach freiwillig, oder der Lebensplanung wegen. Hat es mehr Verständnis verdient wegzuziehen wenn man es dem Studium in jungen Jahren wegen macht? Ich glaube nicht. Manchmal hatte man ab und an das Gefühl es schwinge ein leichter Vorwurf mit weil man die Stadt verlässt. Vielleicht klang es aber auch nur so, man hört es dann in so einer schwierigen Situation wie in einem grossen Umzug eh relativ schnell mit dem falschen Ohr. ‚Wir müssen noch ein letztes Mal…‘ ‚…letztes Mal‘ ‚…letztes Mal‘ oder ähnlich, man denkt fast man hätte Krebs im Endstadium und wisse es nicht, als sei mit einem Wegzug automatisch jeder Kontakt unmöglich und man sehe sich nie wieder. Früher vielleicht, als man sich auf den nicht vorhandenen Motor einer Postkutsche verlassen musste, aber heute? Skype, Hangout, Twitter. Heutzutage ist es fast unmöglich keinen Kontakt zu haben. Ok, SMS an meine alte Nummer schreiben das wird nicht funktionieren.
Noch dazu ist es ja auch so, dass wir eh alle paar Wochen in Hamburg sind, des Mannes wegen jobbedingt. Auch wenn ich das jetzt im November etwas waghalsig finde, weil ich durch die Anpassung schon bei Abends 19 Grad hier friere. Naja, Opfer bringt man ja gerne, oder so.
Ansonsten bin ich da emotionsbedingt vermutlich nicht der beste Ansprechpartner: es ist keiner gestorben, es gibt eine Internetverbindung und es gibt Flugzeuge, also ist das alles sehr rational. Ausser man schickt mir zum Ende des Zyklus ein Hundebabyvideo, dann ist es vollkommen egal wo auf der Welt ich mich befinde, da brechen sogar in der grössten Wüste der Welt die Dämme.
Lethargie machte sich nie breit, auch nicht beim letzten Umzug, im Gegenteil, ich gehe in Situationen die mich fordern und neu sind regelrecht auf und habe Spass daran. Aber man wäre nicht Mensch wenn es nicht aus Momente gäbe in denen man grübelt oder etwas -vielleicht auch gar nicht in dem Augenblick fassbares- vermisst oder man gerne jetzt, akut, sofort live mit gewissen Personen Zeit verbringen würde, aber man kann halt auch nicht sein Leben lang nur an einem Ort sein wenn einem die Welt die Türen öffnet und neue Erfahrungen machen kann.
War immer alles gut in Hamburg? Nein. War immer alles schlecht dort? Nein.
Wir sind nicht weggezogen weil wir unbedingt weg wollten, sondern weil wir eine neue Option hatten. Und man sollte Optionen nutzen, denn was bringt es wenn man in 20 Jahren in Hamburg (München, Kapstadt, Dubai, Meppen…) sitzt und sich fragt warum man es nicht gemacht hat?!
Wir hatten einfach ideale Vorraussetzungen und Bock, genauso wie wir uns die Option frei halten, dass das hier womöglich nicht die Endstation wird.

Wenn man nochmal 2 Tage darüber nachdenkt fallen einem sicher noch weitere 15 Dinge ein.