2 Leben in 17 Kartons.

Heute haben wir also nach -nimmt die Finger zur Hand und zählt nach- fast 3 Monaten geschafft unsere restlichen Sachen aus Hamburg in Empfang nehmen. Und ja Marias Empfängnis ging vermutlich einfacher übern Tisch (oder auf dem Tisch, so genau ist das ja nicht überliefert), da sie vermutlich nicht auf eine Firma mit Logistikschwerpunkt angewiesen war.
Wikipedia sagt in Sachen Definition von Logistik folgendes: „Die Logistik ist sowohl eine interdisziplinäre Wissenschaft, als auch ein Wirtschaftszweig oder eine Abteilung in Organisationen die sich befassen mit der Planung, Steuerung, Optimierung und Durchführung von Güter-, Informations- und Person­enströmen.“

Planung, Steuerung und Durchführung suggeriert ja: ich gebe an, die planen und steuern den Rest und führen es aus. Dachte ich zumindest immer.
Alles fing vor gut 2 Monaten an, als ich den Auftrag erteilte. Flexibel im Zeitraum zwischen ab Auftragserteilung, also Anfang Oktober bis Mitte November, da wir ja Ende November, also jetzt just vor einer Woche 7 Tage in Hamburg waren und auf keinen Fall hier jemand sei der die Sachen hätte entgegennehmen können.
Nach anfänglicher hin und her Kommunikation per Email und mehreren Telefonaten (bei denen ich mich ernsthaft fragte ob Sie da einen Praktikanten am Telefon hatten), erklärte ich mehrfach die Situationslage ‚Wir leben bereits in Spanien, die restlichen Sachen sind noch zwischengelagert in Hamburg. Wir haben dort Freunde die unsere Sachen übergeben können!‘ Ebenso teilte ich mehrfach mit wir müssten es rechtzeitig wissen wann die Abholung stattfinden kann da wir das mit den Freunden in Hamburg absprechen müssten ob es für sie machbar ist an den Zwischenlagerort zu fahren und somit die Sachen übergeben könnten.
‚Kein Problem!‘ sagte man mir ‚man mache das alles mit einer Vorlaufzeit von 5-6 Tagen.‘ Entspannt, dachte ich und lehnte mich zurück.
Unschlau wie ich war gab ich allerdings bereits zu diesem Zeitpunkt die Kontakttelefonummer aus Hamburg an, was irgendwann zur Folge hatte dass dort vormittags ein Anruf ankam mit den Worten: 2 Kubik, wir sollen abholen! und keiner wusste um was es geht. Gut, liess sich klären. ‚Wir kommen dann am Nachmittag nach Hamburg und holen die Sachen ab, wenn das in Ordnung geht?!‘ nach meinem Rückruf in der Spedition und der Nachfrage ob man das mit den 5 Tagen Vorlaufzeit nur eine Phrase sei, einigte man sich dann an jenem Tag -dank flexibler Leute in Hamburg- auf Nachmittag.‚Aber es braucht mindestens eine Stunde Vorlauf wegen Anreiseweg‘ sagte ich und ‚Wir melden uns wieder!‘ sagte der vermeintliche Praktikant und legte auf. An diesem Nachmittag passierte nicht viel, Strohballen passierten die Wüste und viel Wasser floss die Elbe hinab. Aber jeder wartete auf einen Anruf. Endlich ein Telefonklingeln. 18:00 Uhr, Feierabendverkehr in Hamburg. ‚Wir sind in 20 Minuten da!‘ Ja ne, sorry.

Dann trat wieder eine lange Stille ein.
Tagelanges warten, Nachfragen wurden mit ‚Wir können Ihnen im Moment keinen Zeitpunkt nennen!‘ beantwortet. Das war knapp 2 Wochen bevor wir nach Hamburg fliegen wollten. Ich schrub später nochmal eine Email, mit der bitte die Sachen würden in jener Woche abgeholt oder wir schieben die Abholung in die Woche zwischen 12-19.11, da wir da persönlich in der Stadt seien und die Sachen übergeben könnten. ‚Alles kein Problem, ich hab das auf dem Schirm dass Sie dann nicht zu Hause sind.‘
Zu dem Zeitpunkt kommunizierte ich schon nur noch per Email, nur für die Beweislage und der Tatsachenschaffung.

‚Ob wir das mit den restlichen Sachen jemals schaffen?‘
fragten nicht nur wir uns, sondern mittlerweile auch der halbe Bekanntenkreis.

Dann 2 Tage vor Abflug die Email: ‚Heute könnten wir die Abholung machen!‘
Verständlich dass mein Kopf kurz gepflegt und schmerzhaft gegen die Tischkante knallte.
‚Nein, keine Abholung heute, wir sind die ganze nächste Woche weg und keiner kann die Sachen hier empfangen‘ Das wisse er, alles kein Problem, sie würden die Kartons dann eine Woche kostenlos zwischenlagern, schrub es.
Also das Risiko alles kein Problem war dann aber doch zu heikel, weil wenn das so läuft wie die restliche Kommunikation in der Firma, dann stehen unsere Sachen ungefragt am Montagabend irgendwo (vermutlich noch im Regen) zwischen Spanien und Afrika an einem Bordstein.
‚Ne nächste Woche!‘ sagte ich und wir verblieben so.
Lange Story, kurzer Sinn: am Mittwoch die Woche drauf, fand man einen Termin und ich übergab die Sachen höchstpersönlich selbst in Hamburg. Übrigens auch wieder in ad hoc Aktion, da rechtzeitiges Bescheid geben scheinbar im Jahre 2016 nicht mehr Anstand ist. Oder planungstechnisch in einer LOGISTIKfirma nicht möglich, was weiss ich schon.
Der Fahrer war sehr nett, wenn auch kaum ein Wort der deutschen Sprache mächtig, und ich hatte etwas Zweifel an der ganzen Situation nachdem er seinen klapprigen mit Plane grob umschlungenen Klein-LKW einparkte und verladungsfähig machte. Es war ja nicht so als würden sich nur unwichtige Dinge auf den 3000km Weg machen, sondern durchaus noch persönliches und wertvolles. Alles was 2 Leben zusammenfügt aber halt nicht mehr ins Auto passte. Was auch ganz gut war, denn wir hatten bei jedem Zwischenstopp auf der Reise mehr oder weniger das Auto leer räumen müssen. Zumindest die Rückbank. Und in Barcelona -trotz überwachter Tiefgarage- das ganze Auto. Sicherheitsgründe.
Er nahm also die 17 Kartons und die 3 Fahrräder entgegen, zurrte sie auf seinem ‚LKW‘ fest und fuhr in Richtung Sonnenuntergang Berufsverkehr.
Ich entfernte unser Schloss an der Box, ging ins Büro der Verwaltung um zu kündigen und als ich bei knapp 5 Grad und Nieselregen wieder auf der Strasse stand, all die Autos langsam mit bremsenden, roten Rücklichtern an mir vorbei schlichen, wurde die Stadt plötzlich ganz leise und mir rutschte tatsächlich zum ersten Mal ganz schlimm das Herz in die Hose. ‚Das wars also…‘ flüsterte ich und vor mir spulte sich ein Film ab den man sonst nur aus Nahtoderfahrungen erzählt bekam. 5 Jahre Hamburg und alle Gesichter. Vom Anfang bis zum Ende und vom Ende bis in die Unendlichkeit. Ich fühlte mich wirklich alleine in dem Moment, nicht weil ich alleine war, aber weil die Stadt um mich rum war einfach weiter laut und dreckig und so tat als sei nichts passiert in dem Moment. Mir hingegen zog es kurz mal die Beine weg. An dem Abend floss nicht nur gefühlt die Elbe schneller sondern auch das Bier aus dem Zapfhahn. Ich bin wirklich merklich schlecht in sämtlicher Emotionalität.

Das wars dann wohl, 2 Leben in 17 Kisten und 3 Fahrräder für die Beinmuskulatur.

Die folgenden 1 1/2 Wochen verbrachten wir dann mit der Frage ‚Kommen die Sachen jemals an?‘ und den unzähligen schlaflosen Nächten.

Es ist alles gut gegangen, alles ist heile und ich kann endlich wieder in meiner fast vollständigen Elvis DVD-Sammlung baden und jeden Tag eine andere Handtasche ausführen.